BE. Design-Ikonen und ihre Historie

Möbelgeschichten

Sie suchen einen Klassiker, bei uns finden Sie das ORIGINAL mit seiner dazugehörigen Geschichte.
Möbelgeschichten für Sie persönlich recherchiert.

Viel Spaß beim lesen wünscht Ihnen Rainer Halbich. 

Möbelgeschichten #21

Die Superleichte

Cassina Modell 699 Superleggera
Entwurf Gio Ponti, 1951-1957

Sein Name drückt schon den Wunsch des Mailänder Architekten aus, den leichtesten Stuhl überhaupt zu schaffen, ein ehrgeiziges Projekt, das ihn fast ein Jahrzehnt beschäftigte.

Der extrem leichte Stuhl geht auf eine Serie von klassischen und traditionellen Stühlen zurück, die seit dem frühen 19. Jahrhundert in einer Manufaktur nahe dem ligurischen Fischerdorf Chiavari  von dem Möbelbauer Giuseppe Gaetano Descalzi entworfen waren. Diese bodenständige Vorläufer mußten Ponti, der immer „Möbel ohne Eigenschaften“ entwerfen wollte, allein schon aus diesem Grund gefallen. Pontis Anknüpfung an das als Chiavari- oder Campanino-Stuhl bekannte Modell ist ein typisches Beispiel für die enge Verbindung von Design und Handwerk in Italien der 1950er Jahre. In der Nachkriegszeit mit ihren notgedrungen sparsamen Einrichtungen reizte es Ponti, die Qualitäten dieses Modells zu optimieren, eine moderne aber zugleich auf historischen Handwerkstraditionen basierende Version zu schaffen. Seine ersten Entwürfe aus dem Jahr 1949 variieren die Grundform des Chiavari-Stuhles durch einen ergonomischen Knick in der Rückenlehne und zeigen bereits die sich nach unten verjüngenden Stuhlbeine. 

Den Superleggera sieht Ponti als den „Stuhl-Stuhl ohne Adjektive“, den Inbegriff des normalen und wahren Stuhles. Es ist, sagt er, ein normaler und bescheidener Stuhl. Kein Stuhl mit Eigenschaften wie rational, modern, organisch, vorfabriziert. Nein, ein Stuhl und basta: leicht, fein, bequem. Wenn man so was macht, geht man vom Schwergewichtigen zum Leichten (siehe den Dreiecksgrundriss der Beine), vom Undurchsichtigen zum Transparenten, vom Kostspieligen zum Wohlfeilen. Damit folgte Ponti seinen eigenen Forderungen nach Beschränkung auf das absolut Notwendige. 

Ein Stuhl aus leichtem, stabilen Eschenholz, mit gepolstertem Sitz oder Sitz aus geflochtenem spanischem Rohr. Die Dreieckshölzer mit nur 18 mm Kantenlänge sowie ein ausgeklügeltes System von Steckverbindungen, bei dem die einzelnen Streben fest ineinander gefügt sind führten zu Stabilität und der enormen Leichtigkeit von nur 1,7 kg. Um diese unter Beweis zu stellen, warf Ponti den Stuhl vom 4. Stock eines Wohnhauses auf die Straße, wo er wie ein Ball federnd auftraf ohne zu brechen. Damit bewies Gio Ponti, wie stabil die Superleichte ist. Und um zu zeigen, daß er wirklich ein Fliegengewicht ist, balancierte der alte Herr Cassina ihn nach Jongleursart auf einem Finger.

Der auch als Modell 699 bekannte Stuhl Superleggera ist einer der berühmtesten Entwürfe von Gio Ponti. Zu seinen Auszeichnungen gehört eine Nominierung für den prestigeträchtigen italienischen Designpreis Compasso d’Oro im Jahr 1957.

Gallery Cassina: Modell 699 Superleggera  



Möbelgeschichten #20

Die Kunst der sinnvollen Reduktion

Artemide TOLOMEO
Entwurf Michele de Lucchi, 1987

Ein Klassiker, der scheinbar schon immer da war. Form und Funktion sind hier in perfekter Balance. Die Leuchte verleugnet nicht wie sie gebaut ist. Drahtseilzüge die die Leuchte in jeder Position stabilisieren. Ein Konzept offen für Neues. Eigentlich für eine Glühbirne entwickelt, kann sie mit Halogen, Energiesparlampe oder mit LED betrieben werden. 

De Lucchi denkt mit dem Zeichenstift in der Hand, „der Weg vom Kopf in die Hand ist eben wesentlich kürzer als über dem Computer.“ Bereits in seinen ersten Skizzen zur TOLOMEO aus dem Jahr 1985 sind die beiden Gelenke noch durch einen Hebel zu bewegen, der schließlich wegfiel. Design ist eben doch die Kunst der sinnvollen Reduktion. Durch die Halterung mit Federausgleichsystem lässt sich der Leuchtenarm stufenlos in die gewünschte Höhe bewegen, der Leuchtenkopf kann um 360° gedreht werden. Die Struktur besteht aus einer Aluminium beschichteten Stahlbasis. 

De Lucchi sagte über die Entstehung: „Obwohl das Konzept richtig war, haben wir hart daran gearbeitet, einen tadellosen Mechanismus sowohl unter mechanischen als aus ästhetischen Gesichtspunkten auf den Punkt zu bringen“.  

Die Inspiration zur TOLOMEO klingt wie eine jener Geschichten aus der Welt der Kreativen. Bei De Lucchi war es ein Urlaub am Meer. Er beobachtete Fischer, die mit der Trabucchi arbeiteten, den traditionellen Fischergalgen in Apulien. „Es schien mir intelligent, dass man mit einem kleinem Hebelarm und einem Kabel eine Stange aufhängen kann, an der etwas befestigt werden kann,“ sagt De Lucchi. „Das war mein Bezugsrahmen, den ich im Kopf hatte, als ich die TOLOMEO entwarf.“

Eine TOLOMEO kommt heute selten allein. Schritt für Schritt ist es zwischenzeitlich eine ganze Leuchtenfamilie geworden. Charles Darwin hätte seine Freude an der TOLOMEO. Seine Vorstellung vom überleben der bestangepassten Arten lässt sich geradezu beispielhaft an der TOLOMEO Familie erklären. Mal erscheint sie klein, mal riesig. Mal steht sie brav auf dem Tisch, klemmt am Regal oder tritt als Stehleuchte auf. Ein gut durchdachter Grundentwurf der sich an neue Gewohnheiten, Technologien und Anwendungsbereiche anpassen kann, ohne seinen Charakter aufzugeben. 

Herausragende Gestaltung ist ein notwendiger Bestandteil für Bleibendes . So ist die TOLOMEO die wohl berühmteste Schreibtischleuchte der Welt mit Designpreisen förmlich überschüttet und in den großen Designsammlungen der Welt zu finden. 

Gallery Artemide: TOLOMEO


Möbelgeschichten #19

In Wartestellung

Wilde + Spieth Klappstuhl SE18
Entwurf 
Prof. Egon Eiermann, 1952/53 

 

Soweit man den Quellen entnehmen kann befasste sich Egon Eiermann bereits seit 1946 mit der Gestaltung von Klappmöbeln. Wilde + Spith beabsichtigte Ende 1952, einen klappbaren, in der unteren Preisklasse angesiedelten Stuhl auf den Markt zu bringen. Eiermann zeigte sich zwar grundsätzlich interessiert, „lehnte es aber ab… einen solchen Klappstuhl, wie die Konkurrenz bringt, zu entwerfen“, wie in einer Aktennotiz notiert wurde. Er bittet den billigen Klappstuhl selbst zu entwerfen. 

Ein Volltreffer! Schnell wurde der Klappstuhl SE18 weltweit bekannt, denn er traf eine Marktlücke. Es gab in den 1950ern keinen Stuhl für die in Deutschland neu gebauten Stadthallen und Gemeinschaftshäuser. Der praktische Klappstuhl folgte mit seinem Rundholzgestell und der organischen Ausbildung von Sitz- und Rückenlehne einem Formenideal, wie es sich vorher besonders in Dänemark ausgebildet hatte. Wie bei anderen Modellen von Egon Eiermann liegt auch hier die Leistung in der gelungen Umsetzung von Technik und einer als ganz selbstverständlich erscheinenden Formgebung. Offenheit der Konstruktion und Materialökonomie, jene Prinzipien, die Neofunktionalisten wie er aus dem Katechismus der klassischen Moderne übernahmen, waren die eine Seite der Medaille. Eine lebendige, Spannung erzeugende Linienführung, die andere Seite. Jedes Detail ist für sich durchgestaltet. Billig, 1953 kostete der Stuhl keine 25,00 DM, leicht und leise zusammenklappbar, wegstellbar und trotzdem wohnlich. In „Wartestellung“ verlangt er ein Minimum an Stauraum, tatsächlich benötigen 40 Stühle nur 1,5 qm Stellfläche. Später experimentierte Eiermann auch mit Kunststofflehnen und Stahlrohrgestellen. 

Lange war dieser Klappstuhl auf dem Gebiet der Großraumbestuhlung konkurrenzlos. Dass der SE18 Klappstuhl trotz seiner organischen Formen zur Ausstattung der in Ulm von der Geschwister-Scholl-Stiftung, Otl Aicher, Max Bill und weiteren eröffneten Hochschule für Gestaltung gehörte war trotzdem erstaunlich, da bei den Ulmern doch eher geradlinige Nüchternheit nach Bauhaus-Muster herrschte. Und auch 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel  wird der SE18 in den von Sep Ruf und Egon Eiermann entworfenen deutschen Pavillons oder der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin eingesetzt. 

Bereits 1953 wurde der Stuhl im Museum of Moden Art ausgestellt und mit der Auszeichnung „Good-Design“ geehrt. Auf der X. Mailänder Triennale bekam er 1954 die Silbermedaille.  

Seit 1953 ununterbrochen und unverändert in Produktion. Den Praxistest hat er überzeugend bestanden und dabei nichts von seinem ursprünglichen Charme eingebüßt. 

 

Gallery Wilde + Spieth: Klappstuhl SE18 


Möbelgeschichten #18

Ein Stuhl aus einem Guss

vitra. Panton-Chair
Entwurf Verner Panton, ca. 1956-1967
 

Der Däne Verner Panton gehörte mit Paul Kjaerholm und Arne Jacobsen, in dessen Architekturbüro er von 1950 bis 1952 arbeitete, zu den Designern, die mit der skandinavischen Tradition handwerklich verarbeiteter Teakholzmöbel brachen. Bereits während seines Studiums zeichnete Panton hinterbeinlose Stühle. Darunter ein S-förmiger Stuhl aus Schichtholz der an den Zig-Zag Stuhl von Gerriet Rietveld erinnert. 

Panton, fasziniert von den Möglichkeiten der neuen Kunststoffe, welche durch ihre struktorlosigkeit dem Designer keinerlei materialbedingten Formen aufzwingt und preiswerte Produkte erwarten lies. Diese Freiheit ließ ihn das Thema Stuhl neu überdenken. Erneut griff er auf seine alten Skizzen zurück und überarbeite sie. Entscheidend war die kurvige Ausbildung der Fußpartie, die eine Standplatte erübrigte und die gewollte Beinfreiheit schuf. Ende der 1950er Jahre entwickelte er einen ersten Prototypen aus Polystyrol. Mit diesem nicht funktionstauglichen Stuhl machte er sich in ganz Europa erfolglos auf die Suche nach einem Hersteller. Erst 1963 kam er in Kontakt mit Willi Fehlbaum und vitra, der als Lizenzproduzent von Herman Miller über Erfahrungen mit Kunststoff verfügte und der Idee eine Chance gab. Panton zog daraufhin nach Basel um die Entwicklung vor Ort begleiten zu können, bei der seine gewagte Formvorstellung mit den Möglichkeiten des Materials und der Produktionsprozesse in Einklang gebracht werden musste. 

Ein bahnbrechendes Ereignis war dann der Panton Chair.  Als erster aus einem einzigen Material und in einem einzigen Guss hergestellte Stuhl gelangte der Stapelstuhl erst 1968 zur Serienreife. 

Wie fast alle Kunststoffmöbel aus dieser Zeit wurde der Panton Chair zunächst aus GFK-Polyster hergestellt, die ersten in Serie produzierten Exemplare aus verformten und später lackiertem „Baydur“ (PU_Hartschaumstoff). Ab 1971 wurde dann das neue Material Luran-S eingesetzt. Der im Spritzgussverfahren hergestellte Stuhl brauchte keine handwerkliche Nachbearbeitung mehr. Kennzeichnend für diese Versionen sind die Rippen an der Unterseite des Sitzes. Probleme mit der Witterungs- und Altersbeständigkeit des Materials führten 1979 jedoch zur Einstellung der Produktion.

1983 wurde die Produktion wieder aufgenommen. Diese Modelle wurden dann wieder aus PU-Hartschaum hergestellt und lackiert. 1999 lancierte vitra. zusätzlich noch eine mit Verner Panton entwickelte weitere Version aus Polypropylen, mit matter Oberflächenstruktur. Die lackierte Ausführung aus PU wird seither unter dem Namen Panton Chair Classic vertrieben. 2008 schließlich wurde noch die ebenfalls aus Polypropylen gefertigte Kinderversion, der Panton Chair Junior, auf den Markt gebracht.

Die im Panton Chair so eindrücklich realisierte Idee des Stuhls „aus einem Guss“ war in der Designgeschichte nicht neu. Sein Verdienst ist es jedoch, dass er die Idee mit Zähigkeit verfolgte und sie nach einem langwierigen Prozess als erster zur Serienreife brachte. Panton schrieb: „Ich versuche mit neuen Materialien gutes Design zu machen. Meine Stücke sollen vielseitig verwendbar und erschwinglich sein“. 

Gallery vitra. Panton-Chair


Möbelgeschichten #17

Die Ausruh-Maschine
Cassina, Chaiselongue LC 4
Entwurf Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Charlotte Perriand, 1928

Des Bettes Tagesschwester, die Liege, ist die Antwort vergangener Jahrhunderte auf das Bedürfnis, die Arbeit mit einer Siesta zu unterbrechen und dem Blutstau in den Beinen vorzubeugen. Anderswo hatte sie hübschere Namen: day-bed, Lit Duchesse , Lit de Repos oder auch Récamière. 

Im Jahre 1922 begann der Schweizer Architekt Charles-Edouard Jeanneret, besser bekannt als Le Corbusier mit seinem Cousin Pierre Jeanneret zu arbeiten, mit dem er Forschungsprojekte und Designkriterien in einer tiefen und lebenslangen beruflichen Partnerschaft teilte. Im Oktober 1927 beschlossen die beiden, eine 24 jährige Architektin, die sich in der damaligen Architekturszene bereits einen Namen gemacht hatte, ins Boot zu holen: Charlotte Perriand. Ihre Zusammenarbeit war - vor allem im Bereich Möbeldesign - äußerst fruchtbar, indem Sie dem häufig kalten Rationalismus von Le Corbusier ein wohldosiertes Maß an Menschlichkeit verlieh. 

Zusammen mit Charlotte Perriand nahmen die beiden das innovative Projekt für „L’équipement de l’habitation“ in Angriff. Fast sämtliche Möbel, die heute als moderne Klassiker produziert werden, wurden 1928 entworfen und auf dem Pariser Herbstsalon 1929 präsentiert.

Die Chaiselongue ist unter Le Corbusiers Stahlmöbeln das, mit dem er sich am längsten beschäftigt hat. Als Vorbild für die „machine a repos“ die ihm vorschwebte, diente sowohl der Morris-Chair, ein hölzerner Liegestuhl mit breiten Armlehnen und noch mehr der verstellbare Surrepos des Pariser Arztes Dr. Pascaud. Anders als bei dem über ein Handrad verstellbaren Surrepos müssen die Fans schon aufstehen um die Liegeposition der Chaiselongue basculante zu verändern. 

Einfachere Varianten einer Liege ohne Armlehnen finden sich bereits Anfang der zwanziger Jahre in seinen Skizzen. Über die körperfreundliche 2-fach geknickte Form der Liegefläche, deren Oberteil aus einem durchgehend gebogenen Stahlrohr bestehet, die auch an Thonets berühmtes Schaukelsofa erinnert, war sich Le Corbusier bald klar. In einer perspektivischen Innenansicht hat Le Corbusier 1928 eine Chaiselongue skizziert welche auf der Fußkante aufliegt und am Kopfende  durch eine Säule gestützt wird. Kopfzerbrechen bereitete ihm das Untergestell, auf dem der Schlitten „in jeder Position im Gleichgewicht ist, ohne jede mechanische Intervention“.  Erst beim zweiten Entwurf bestanden die Seitenteile aus Blechen, die durch ovoide „Flugzeugrohre“ verbunden waren, eine Lösung die auch in der Patentschrift von 1929 aufscheint.   

Der Entwurf von 1928, der „Chaise Longe à réglage Continue“ , eine „Ausruhmaschine“, wie sie Le Corbusier nannte, ist die ultimative Chaiselongue: die Form verspricht Entspannung pur. Dieser Stuhl entstand aus dem Wunsch der drei Designer, den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Entwürfe zu setzen. Die Idee dahinter war, dass sowohl Form als auch Funktion der Entspannung dienen sollten, und so schufen sie ein perfektes Gleichgewicht zwischen geometrischer Schlichtheit und ergonomischem Zweck. Die Stabilität des Rahmens bleibt – in jedem Neigungswinkel – durch die Reibung der Gummischläuche, welche die Querstreben des Sockels umhüllen, gewährleistet. Hebt man die Liege vom Untergestell ab, so dienen die Bögen des Oberteils als Kufen einer Schaukelliege. 

Die 1929 vorgestellte Möbellinie, zu der auch die Liege B306 gehörte, wurde ab 1930 von Thonet  Fréres unter der Bezeichnung „Le Corbusier, P. Jeanneret, Ch. Perriand“ vertrieben und in das im Jahre 1925 von Le Corbusier und Pierre Jeanneret definierte Konzept „Schränke, Stühle und Tische“ integriert. Die stoffbespannte Serienversion kostete 1930 noch 1650 FF, bzw. 3040 FF in der Luxusversion mit Fellauflage.  1959 lancierte die Zürcher Galeristin Heidi Weber u. a. eine Re-Edition der Chaiselongue basculante, Diese Möbel wurden bis 1964 von lokalen Handwerkern hergestellt und erhielten den Namen „le Corbusier sitzmöbel/sièges/chairs“. Der Vertrieb war sehr begrenzt, und jedes Modell wurde mit den Initialen „LC“ versehen. Seit 1965 wird die Chaiselongue von Cassina unter der Bezeichnung LC4 vertrieben.

Gallery Cassina, Chaiselongue LC 4 


Möbelgeschichten #16

Der Stuhl der Stühle
THONET Consumerstuhl No. 14
Entwurf Michael Thonet, 1855-1859

Das deutsche Möbeldesign hat einen Geburtsort und eine Geburtsstunde. 1835 wendete Michael Thonet in seiner Werkstatt in Boppard erstmals die von ihm entwickelte Holzbiegetechnik auf einen ganzen Stuhl an. Am Anfang stand jedoch ein eher traditioneller Entwurf aus schichtverleimten Holzlamellen. Fürst Metternich, Thonets Förder, veranlasste ihn seinen Wohnsitz nach Wien zu verlegen. Bereits 1842 erhielt Thonet dort das Privilegium der Hofkammer, „jede, auch selbst die sprödeste Gattung Holz auf chemisch-mechanischem Wege in beliebige Formen und Schweifungen zu bringen“. 

Die von Michael Thonet erfundene Technik des Massivholzbiegens hat er sich bereits 1856 patentieren lassen, bei der vorwiegend Stäbe aus massivem  Rotbuchenholz unter Wasserdampf mit erheblichen Druck und Kraftaufwand gedreht und gebogen werden. Das erlaubte eine Formfreiheit, wie sie erst ein Jahrhundert später wieder bei Kunststoffmöbeln erreicht wurde. Kontroverse Diskussionen, ob diese Methode dem Material Holz die letzten Reserven entlockte oder ihm Gewalt antue, waren die Folge. 

Die ersten Modelle des Stuhl No. 14  waren noch in der Schichtholzverleimtechnik hergestellt worden sowie verzapft und verleimt. Was jedoch beim Export in subtropische Ländern zu einer Flut von Reklamationen führte, da sich der Leim löste. Erst nach vielen Versuchen entwickelte sich daraus der massiv gebogene „Consumerstuhl No. 14“ bei dem die Zapfenverbindung durch Schrauben ersetzt wurde. Durch die Schraubverbindung war es nun möglich, die Stühle in Einzelteile problemlos zu versenden und erst am Bestimmungsort zu montieren. Nummer 14 bestand aus nur sechs Holzteilen (Hinterbeine mit Lehne, innerer Lehnenbogen, zwei Vorderbeine, Sitzring mit eingeflochtener Sitzfläche und Versteifungsring), zehn Schrauben und zwei Muttern, was ihn schon damals zu einem idealen Exportartikel machte. Da die Verbindungen wieder nachgezogen werden können, erhöhte sich zusätzlich die Lebensdauer. 36 Stühle passten in eine Versandkiste mit 0,8 cbm Volumen. Bis 1930 wurden bereits über 50 Millionen Stühle verkauft. Was diesen schlichten Stuhl bis heute zu einem der erfolgreichsten Industrieprodukte aller Zeiten macht. Damals kostete er übrigens 8,50 Mark.

Durch die eher anspruchslose Gestalt setzten sie gleichsam das Biedermeirmöbel fort, leugneten dabei aber nicht, dass sie Produkte des Maschinenzeitalters waren. Als „billige Consumersorte“ hatte Michael Thonet das Modell Nummer 14 vorgesehen. Bei seiner Markteinführung kostete das Modell nur drei Gulden, der damalige Gegenwert von etwa drei Dutzend Eiern und war das preiswerteste Modell innerhalb der Thonet Kollektion. Später wurde das Modell Nummer 14 als Wiener Kaffeehausstuhl weltberühmt. 

Der Consumerstuhl No. 14 ist eines der ersten Industrieprodukte und gilt als Archetyp des modernen Möbeldesigns der auch von Vertretern der klassischen Moderne wie etwa Le Corbusier als vorbildlich angesehen wurde. Dieser sagte über die Bugholzmöbel: „Noch nie ist Besseres an Eleganz der Konzeption, Exaktheit der Ausführung und Zweckmäßigkeit geschaffen worden“.

Eine historische Stunde erlebte der billige Jedermannsstuhl am 09. November 1918. Auf Exemplaren der Nummer 14 saßen die Unterhändler, die den Waffenstillstand im Wald von Compiegne schlossen.  

Gallery THONET. Consumerstuhl No. 14


Möbelgeschichten #15

Anpassungsfähig wie ein Chamäleon
COR Conseta Sofa
Entwurf Friedrich Wilhelm Möller, 1964

Anfang der 1960er Jahre erfand der findige Westfale und ehemalige COR Mitarbeiter Wilhelm Möller das zukunftsweisende Polstermöbelsystem. Conseta, vom lateinischen consedere, zusammensitzen und consetus, zusammengesetzt war flexibel wie ein Baukasten und anpassungsfähig wie ein Chamäleon. Dazu von reduzierter Schlichtheit, dass sie jenseits von Stilen und Moden bis heute Bestand haben würde.

Als die Conseta 1964 auf der Kölner Möbelmesse vorgestellt wurde waren die Reaktionen nur sehr verhalten, zerlegbare Polstermöbel waren seinerzeit einfach nicht gefragt. Auf Zerlegbarkeit aber, die es möglich macht, dass das Sofa sich verändern oder mitwachsen lässt hatte Möller gesetzt. „Der Mensch ist das Maß aller Möbel“ sagt Möller, „am Detail sollte man den allgemeinen Stand unserer technischen Entwicklung ablesen können. Das Detail ist für mich aber auch der deutlichste Ausdruck des Machenden. Man kann daraus sein Verhältnis zur Qualität, zur Ästhetik und zum Material ablesen.“

Es war nicht das erste Modulare Polstersystem. Ein Vorbild war vor allem das Modular Setting System von George Nelson aus dem Jahr 1955, dessen Grundidee COR 1959 mit Quinta erstmals umsetzte. Conseta hatte eine nochmals erheblich gesteigerte Variationsbreite. Als Verbindungselement hatte er ein Kufenteil entworfen mit dessen Beschläge sich die einzelnen Elemente , Hocker, Sessel, Eckteile oder Armlehnen verbinden und aneinanderreihen lassen und auf Kufen bzw. Vierkantstahlfüsse gesetzt werden. Dazu Polsterblenden und lose Kissen zum Einlegen, so lassen sich Sofas oder ganze Sitzlandschaften formieren die sich praktisch in jeden Raum einfügen lassen. Es war nicht weniger als die Erfindung der Couchecke, die sich in Symbiose mit dem Fernseher zu einem Wohnmittelpunkt entwickelte. Die Symbiose eines ganzheitlichen Systems welches sie im Laufe der Jahrzehnte zu einem wahren Klassiker wachsen lies.

Trotz Premierenmisserfolg hatte Möller mit seinem Konzept recht behalten. Wie bei einem Automobil, das sich von Generation zu Generation verändert, hat sich die Conseta der aktuellen Ästhetik angepasst. Neben der Kufe ist auch die strenge Geradlinigkeit geblieben. Der VW Golf unter den Polstermöbeln. Ein Evergreen seit über 5 Jahrzehnten.

Video COR. Conseta Sofa


Möbelgeschichten #14

Harmonie als Elixier 
USM Möbelbausystem Haller.
Entwurf Fritz Haller und Paul Schärer, 1962-1964

Das USM Möbelbausystem Haller ging aus der Zusammenarbeit des Architekten Fritz Haller mit dem Unternehmen U. Schärer Söhne hervor. Haller, beschäftigte sich bereits seit 1951 mit Stauraummöbeln, wobei er an Vorbilder der 1920er- und 1930er-Jahre anknüpfte und sie als Skelettkonstruktionen aus Vierkantrohr weiterführte. Ab 1956 entwickelte er mit dem Unternehmen Stahlbausysteme für Gebäude. Angefangen hat es mit Trag- und Fassadensystemen für Gebäude, Maxi, Mini und Midi, die der Architekt Fritz Haller alle nach dem Baukastenprinzip konzipierte. Er wünschte möglichst rationell gestaltete Einzelteile, mit denen man die unterschiedlichsten Strukturen bauen kann. Dieses Prinzip übertrug Haller auch auf das Möbelsystem. 

Ein wichtiger Vorläufer seines Möbelsystems war das 1958 patentierte Abstracta System des Dänen Poul Cadovius. Es basierte auf einem Verbindungselement mit zwei bis sechs stählernen Zapfen, die in Metallrohre gesteckt werden. Da Lizenzverhandlungen zwischen USM und Cadovius gescheitert waren, entwickelte Fritz Haller in einem iterativen Designprozess gemeinsam mit dem Ingenieur Paul Schärer den genialen Kugelknoten, eine neue Verbindung in Form einer Kugel mit sechs Gewindebohrungen. Dieses Patent wurde 1965 beantragt und 1967 eingetragen. Auf jener Kugel lassen sich in sechs Richtungen Stahlrohre in verschiedenen Modullängen von 10 bis 75 cm aufschrauben. Die offenen Raumgitter der so entstehenden Tragstruktur können mit farbigen Metall-Elementen geschlossen werden. Das Möbelbausystem war dabei zunächst keineswegs als Serienprodukt gedacht, sondern wurde in der Betriebswerkstatt von USM nur für den eigenen Bedarf hergestellt. 

Die Idee, aus Kugeln, Rohren und Talaren ein Büromöbel zusammenzusetzen, musste für einen durchschnittlich seriösen Geschäftsmann der frühen 1960er-Jahre wohl mehr an den „Märklin-Metallbaukasten“ seiner Kindheit als an ein repräsentatives Mobiliar der späten Wirtschaftswunderjahre erinnern. Dennoch Interessierten sich die verantwortlichen Planer für den Hauptsitz der Banque de Rothschild in Paris für das Produkt und baten um ein schnelles Angebot. Diesen Anstoß zur Serienproduktion bracht Paul Schärer in kalkulatorische Verlegenheit, da keinerlei Erfahrung für eine industrielle Herstellung dieser Möbel vorlag. Kurzum legte er den Kilopreis des damals erfolgreichsten Industrieprodukt zugrunde, den VW Käfer. Während der Entwicklung zeigte sich, daß immer neue Abwandlungen und Zusatzteile nötig wurden, die alle vom speziellen auf einen allgemeinen Standard gebracht werden mussten um möglichst vielfältig verwendbar zu sein.

Obwohl es sich um ein Baukastensystem handelt, erscheinen die USM Möbel als reines, lichtes Spiel aus Linien und Flächen, den zwei Grundelementen jeglicher Gestaltung. Diese extreme Reduktion ist vielleicht die wichtigste Voraussetzung dafür, dass das modulare Möbelbausystem in fast allen vorgegebenen Architekturen funktioniert. So lassen sich Schränke und Regale, Kommoden, Tische und Theken bauen, für Büros und Empfangsbereiche, in Schulen, Läden, Arztpraxen und für den privaten Bereich. Spielend passt sich das Universalmöbel den individuellen Anforderungen des Benutzers an. Anders als bei anderen modularen Aufbewahrungssystemen ist hier für die Addition von Behältnissen keine Doppelung von Wand, Boden oder Decken nötig. 

Die optische Qualität entsteht durch ein wohl ausgewogenes Verhältnis der montierten Elemente, ein leicht gedrückter, optisch stabiler Quader. Alle Modullängen entsprechen Maße unseres eigenen Körpers, von der Breite der Hand bis zur Länge des ausgestreckten Armes. Das führt dazu, dass das Möbel auch bei bei noch so großer Ausdehnung niemals monumental wirkt - Harmonie als Elexier. Mart Stam schrieb bereits 1929: „So ist der Kampf der modernen Architektur ein Kampf gegen die Repräsentation, gegen das Übermaß und für das Menschenmaß.“

Und so ist die Geschichte dieses Designklassikers, der im Gegensatz zum Käfer seit über 50 Jahren fast unverändert hergestellt und seitdem mit großem Erfolg weltweit vertrieben wird, auch durchaus ungewöhnlich. Das USM Möbelbausystem Haller ist einer der bedeutendsten Designklassiker des 20. Jahrhunderts geworden. Eine bis heute andauernde internationale Erfolgsgeschichte einer modernen und zeitunbabhängigen Stilikone. 

Gallery USM. Möbelbausystem


Möbelgeschichten #13:

Was haben ein Stuhl und ein Weinglas gemeinsam? 
KNOLL International. Tulip-Chair. 
Entwurf Eero Saarinen, 1955

Zunächst studierte der gebürtige Finne Eero Saarinen an der Académie de la Grande Chaumière in Paris Bildhauerei bevor er  an der Yale School of Art and Architecture Architektur studierte. 1940 nahm er mit Charles Eames an einem Wett­be­werb des Mu­seum of Mo­dern Art in New York teil. Meh­rere ihrer Ent­würfe, dar­un­ter der Organic Chair, ge­wan­nen in den ver­schie­de­nen Ka­te­go­rien.

In allen seinen Entwürfen strebte Eero Saarinen nach innovativen und funktionalen Lösungen die eine Einheit von Form und Material bilden. Wie viele seiner amerikanischen und skandinavischen Kollegen entschied er sich gegen die mit dem Bauhaus assoziierte Strenge zugunsten fließender, organischer Formen. 

„Das Untergestell von Tischen und Stühlen in einer typischen Einrichtung erzeugt eine häßliche, verwirrende und unruhige Welt. Ich wollte einen Stuhl wieder als eine Einheit bilden. Alle bedeutenden Möbel der Vergangenheit von Tutenchamuns Stuhl bis zu jenem Thomas Chippendales hatten immer eine ganzheitliche Struktur.“ Später sagte er noch: „Diese Stühle mit ihren schalenförmigen Sitzen und den käfigartigen Gestellen aus Metallstäben darunter … gleichen immer eher Klempnerarbeit.“

Nach Diskussionen mit Hans und Florence Knoll entwickelte er das Einbein, die Familie der Tulpenstühle mit angesetztem Trompetenfuss. Die Reduzierung der tragenden Konstruktion auf einen zentralen Stützfuss, wie bei einem Weinglas. Die Idee dazu hatte er schon 1953. Die ersten Prototypen, maßstabsgerechte Modelle im Maßstab 1:4, hatten Puppenhausgröße und wurden in entsprechend kleinen Modellzimmern aufgestellt, denn die Sessel sollten in einem Raum gut wirken. In Zusammenarbeit mit der Knoll International Designentwicklungsgruppe wurden die bei der Herstellung auftauchenden Probleme ausgearbeitet und gelöst. Aus dann lebensgroßen Modellen wurden Möbel, und diese Möbel wurden im Speise- und Wohnzimmer von Saarinens Haus verwendet. Freunde und Familienangehörige spielten die „Versuchskaninchen“.

Dennoch war die Pedestal-Gruppe für ihn eine Enttäuschung, weil es ihm wegen der Unzulänglichkeit der Kunststoffindustrie nicht gelang, die Stühle aus einem einzigen Material herzustellen. Statt dessen verband man die Sitzschale aus fiberglasverstärktem Kunststoff mit einem Fuss aus Gussaluminium. Durch die Lackierung in der gleichen Farbe und die vom Sitz über den Fuß bis zur Basis durchgehenden geschwungenen Linien erscheint der ganze Stuhl als eine durchgehende, organische Form.„Ich erwarte den Zeitpunkt, an dem die Kunststoff-Industrie in der Lage sein wird, den Stuhl aus einem Material herzustellen, so wie ich ihn entworfen habe.“

Die Assoziation mit einer Blüte auf einem Stängel betont nicht nur seine optische Einheit, sondern gibt dem als Tulip-Chair bekannten Entwurf auch seinen Namen.

Der Tulip-Chair ist jedoch bis heute immer noch in seiner ursprünglichen Fassung unverändert in Produktion und ist zu einem er berühmtesten Stühle des 20. Jahrhunderts geworden.

Gallery KNOLL International. Tulip-Chair 


Möbelgeschichten # 12 

ein grossartiger Wurf …
vitra. Landi-Chair
Entwurf Hans Coray, 1938

Eigentlich war Hans Coray Doktor der Romanistik. Schon während seiner Zeit als Mittelschullehrer beschäftigte er sich mit Industrie-Design, u. a. mit Metallkonstruktionen und widmetet sich später  den bildenden Künsten. Bald schon hat sich der Schweizer einen Namen über die Landesgrenzen hinaus erworben und arbeitete auch am Innenausbau des Pressepavillons sowie weiterer Ausstellungshallen für die Schweizerische Landesausstellung 1939 mit. Dieser mehrere Monate dauernde Grossanlass in Zürich wurde schon bald von den Eidgenossen liebevoll „Landi“ genannt und sollte mit einer Darstellung schweizerischer Kultur und Geschichte die nationale Identität der von faschistischem Regimes umgeben Schweiz demonstrieren.

Die Entstehungsgeschichte seines ersten realisierten Stuhlentwurf hielt der Designer wie folgt fest: „1938 legte ich dem Chefarchitekten der Schweizer Landesausstellung, Herrn Hofmann und dessen Adjunkten, Herr Hans Fischli, einige Entwürfe von Gestellen für das Zeigen von Objekten und Materialien vor […]. Herr Fischli erklärte mir, dass sie keine derartigen Aufträge zu vergeben hätten, sie hingegen auf der Suche nach einem offiziellen Stuhl seien, der in jeder Beziehung neu sein sollte, […] und er fragte mich, ob ich mich dafür interessieren würde, Modelle zu entwerfen.“ Hans Coray stellte sechs Monate später zwei Modelle aus Draht und gelochtem Blech vor, von denen eines auf Interesse stieß. Entwurfsziel war ein Stuhl aus dem „Schweizermetall“ für die vertikale Stapelung.

In der rohstoffarmen Schweiz war Aluminium einer der wichtigen Exportartikel und galt als nationales Produkt. Das importierte Rohmaterial konnte in der Schweiz dank der durch Wasserkraft hergestellter, großen Mengen elektrischen Stroms hier weiterverarbeitet werden. Bereits 1933 hatte die Muttergesellschaft der schweizerischen Aluminiumwerke in Paris einen Wettbewerb initiiert um den besten Aluminiumstuhl zu ermitteln. Damals gewann Marcel Breuer mit der Liege Nr. 313 den ersten Preis. Walter Gropius und Le Corbusier gehörten zur Jury.  

Coray gewann den mit 500 SFr. dotierten ersten Preis. Die Zusammenarbeit des Bauhaus-Schülers Fischli, Coray, Blattmann (als blechverarbeitender Betrieb) und den Aluminiumwerken Rohrschach führte schließlich zu dem aufsehenerregendem, nur etwa 3 kg leichten Stuhl. Sein nüchternes und elegantes Design ist auf die industrielle Produktion und Verarbeitung des Materials zugeschnitten und als Meisterstück der Moderne in die Geschichte eingegangen. Die Sitzschale des Landi-Stuhls folgt nicht nur der Kontur des sitzenden Menschen, sondern ist auch in Querrichtung ausgeformt. Zum ersten Mal überhaupt entsteht so eine dreidimensional verformte Sitzschale. Die Sitzschale ist mit 91 gestanzten Löchern versehen, die das Gewicht weiter reduzieren, der Schale Stabilität und sein charakteristisches Aussehen geben. Das C-förmige Aluminiumgestell aus Strangpressprofil ist leicht und stabil zugleich. Die gebogenen Aluminiumprofile bilden jeweils ein Beinpaar mit Armlehne und werden durch zwei dünne Streben miteinander verbunden, gemeinsam bilden Sie das Untergestell. Darauf schwebt, nur an 4 Punkten verbunden, die gelochte Sitzschale. Damit führt der Landi-Stuhl ein konstruktives Prinzip ein, das erst einige Jahre später von Charles und Ray Eames mit den Fiberglass Chairs systematisiert und perfektioniert wurde und heute aus dem Möbeldesign nicht mehr wegzudenken ist: die auf einem selbsttragenden Untergestell aufliegende Sitz- und Rückenschale. 

Nach Ablauf der „Landi“ wurden die Stühle für 5 SFr. an die Besucher verkauft

Da der „Landi“ als Freiluftstuhl konzipiert wurde, hatte er an den Beinen noch keine Endkappen. Diese wurden erst ab 1950er Jahren in der jetzigen Form hinzugefügt da der Stuhl zunehmend in Innenräumen Verwendung findet. 1962 änderte der Hersteller die Anzahl der Löcher mit je 6 mal 6 Löchern in der formgepressten Sitzschale und nur auf Anfrage mit der 7 mal 7 Perforierung der Ursprungsversion. 

Bis heute gilt er als eine Ikone des modernen Schweizer Designs und wurde 2004 sogar mit einer Briefmarke geehrt. Der Landi ist praktisch - leicht, wetterbeständig, wärmeabstrahlend und platzsparend stapelbar - federnd-bequem und von zurückhaltender Eleganz. Seit 2014 wir der Landi-Stuhl von vitra. in der Ursprungsversion produziert. 

Gallery vitra. Landi-Chair


Möbelgeschichte #11:

ausladend, opulent, kurvenreich …
B&B Italia. UP50
Entwurf Gaetano Pesce, 1969

Text folgt a.s.a.p. … 

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Gallery B&B Italia. UP50



Video B&B Italia. UP50


Möbelgeschichte #10:

Plastisches Design
mit spürbarer Ausdrucksstärke …
Fritz Hansen. The Egg-Chair
Entwurf Arne Jacobsen, 1958 

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Gallery Fritz Hansen. The Egg-Chair


Möbelgeschichte #9:

Jedes Objekt ist so figürlich …
FontanaArte. TAVOLO CON RUOTE
Entwurf Gae Aulenti, 1980 

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Gallery FontanaArte. TAVOLO CON RUOTE:


Möbelgeschichte #8:

Eine Lampe nach Rezept!
Tecnolumen. Bauhaus-Lampe WA24
Entwurf Wilhelm Wagenfeld, 1923

Wilhelm Wagenfeld bekam kurz nach seiner Gesellenprüfung als Silberschmied am Bauhaus in Weimar vom Meister der Metallwerkstatt László Moholy-Nagy die Aufgabe gestellt, eine Tischlampe aus Metall zu entwerfen. Sie könne sehr einfach sein und bestimmte Formelemente aus Metall müssen verwendet werden. Wagenfeld, nicht gerade beglückt wollte Moholys "Man-nehme-Rezept" befolgen, was sich am Zeichenbrett jedoch schon bald als Plage herausstellte.

"Vergeblich grübelte ich, bis in die Nacht herum. Völlig erschöpft und enttäuscht von der Vergeblichkeit meiner Mühe legte ich mich hin. Dann als im Traum die Lampe vor mir stand erwachte ich sofort – versuchte ich in der Dunkelheit mir das im Traum Gesehene wieder vorzustellen. Doch meine Anstrengungen blieben vergeblich – auch am nächsten Morgen."

"Ich skizzierte stundenlang erfolglos. Mein Denken versagte, das Finden wollen hörte auf. Völlig unbeteiligt folgten die Augen dem schier eigenmächtigen, von mir losgelösten Tun der Hand. Frei vom Denken, wie der nächtliche Traum, fand die skizzierende Hand, was dem verwirrten Kopf versagt geblieben war."

Zu der Konstruktion sagte Wagenfeld u. a.: "Die Tischlampe - ein Typ für die maschinelle Herstellung - erreichte in Ihrer Form die größte Einfachheit und in der Verwendung von Zeit und Material die stärkste Beschränkung. Eine runde Platte, ein zylindrisches Rohr und ein kugelförmiger Schirm sind ihre wichtigsten Teile. Die Standplatte steht nicht auf, sondern über der Tischfläche. Die drei metallenen Halbkugeln unter der Platte, für das Auge nicht sichtbar, nehmen der Lampe die schwere Gewichtigkeit."

Nach Moholys Urteil hat Wagenfeld "ein seinem Handwerk würdiges Kunstwerk" gemacht. 

Die nächste Aufgabe Moholys-Nagy an Wagenfeld war nach der Metall-Lampe eine Glas-Version zu schaffen. Bis heute ist die Urheberschaft an der Glasversion der Lampe nicht endgültig geklärt. Offenbar stellte Wagenfeld diese nach Vorarbeiten des Schweizers C. J. Jucker fertig, bei dem das Stromkabel noch direkt durch den Glasschaft führte. Wagenfeld fügte das vernickelte Metallrohr hinzu. 

Eine kleine, noch in Handarbeit gefertigte Serie der beiden Lampen wurden von Wagenfeld auf der Leipziger Herbstmesse 1924, in den 1920er Jahren die wichtigste Messe für das gesamte Kunsthandwerk, präsentiert. Die Bauhaus GmbH bot später beide Versionen an, doch die kommerzielle Vermarktung scheiterte daran, dass die meisten Bauteile in Handarbeit in der Bauhaus-Werkstatt entstanden. Auch als die Lampen 1928 erstmals in industrieller Fertigung angeboten wurden, war die Bauhaus-Lampe mit 55 Reichsmark für viele unerschwinglich.

Gallery Tecnolumen. Bauhaus-Lampe WA24:


Möbelgeschichte #7:

Eine neue Stuhltypologie!
Vitra. DAX Plastic Armchair
Entwurf Charles & Ray Eames, 1950

Mindestens drei der wichtigsten Stühle die je entworfen wurden, stammen von Charles & Ray Eames. Ganz sicher gehört der Fiberglas-Chair dazu.

Anlässlich des Wettbewerbs „Low-cost Furniture Design“ des Museums of Modern Art in New York wurde 1948 der Eames-Schalenstuhl erstmals als Gipsmodell und in Zeichnungen vorgestellt. Die Jury, zu der u. a. Ludwig Mies van der Rohe gehörte, zeichnete den Entwurf mit dem zweiten Preis aus. 

Obwohl Eames bereits mit glasfaserverstärktem Kunststoff experimentierte und auch den Entwurf der La Chaise einreichte waren für die Produktion Schalen aus lackiertem bzw.  neoprenbeschichtetem Stahl oder Aluminium vorgesehen. In dieser Art der Herstellung sah man eine zukunftsträchtige Produktionsmethode für große Stückzahlen, die sich bereits in der Automobilbranche bewährt hatte.  Trotz der Zusammenarbeit mit Technikern der UCLA erwies sich die Herstellung aus Metall als äußerst schwierig, denn die Prototypen der benötigten Pressformen zersprangen immer wieder. Da für die Präsentation im Chicagoer Showroom des MoMa realistische Prototypen der prämierten Entwürfe präsentiert werden sollten, verschob sich die geplante MoMa-Ausstellung auf März 1950. Erst als die Firma Zenith Plastics Eames ihr im 2. Weltkrieg für die Radar-Verkleidungen bei Flugzeugen entwickeltes Fiberglassverfahren vorstellte gelang der Durchbruch. In Zusammenarbeit mit Herman Miller Furniture ließ Eames kurz darauf 2000 Schalen in Handarbeit herstellen und hatte damit eine neue Stuhltypologie begründet aus der später eine ganze Stuhlfamilie mit unterschiedlichen Untergestellen, inklusive eines Schaukelstuhls entstand. Die Verbindung der eingefärbten Sitzschalen mit  den verschiedenen Untergestellen erfolgte über flexible Hartgummischeiben, sog. Shock-Mounts, einem von Chrysler entwickeltem Patent. Der DAX (Dining Armchair X-Base) war somit der weltweit erste massenproduzierte Kunststoffstuhl der Geschichte.  

Als Vitra Gründer Willi Fehlbaum, Mitte der 1950er Jahre in einem New Yorker Schaufenster einen Eames-Stuhl entdeckte und sich entschied diesen für Europa zu produzieren, wurde vitra als Möbelhersteller geboren.

 

 


How the Iconic Eames Fiberglass Chairs are produced by Vitra


Möbelgeschichte #6:

A Design Icon
FLOS. Arco
Entwurf Achille & Pier Giacomo Castiglioni, 1962 

Achille und Pier Giacomo wollten eine Lampe die unabhängig vom Anschluss an Wand oder Decke ist, die mit jedem Einrichtungsstil zu kombinieren ist und welche man umstellen kann.

Inspiriert von einer Straßenlaterne dessen Leuchtenkopf kurzerhand an einem langen, gebogen Arm das Licht in die Mitte der Straße ragen ließ entwarfen die Brüder Castiglioni die Bogenleuchte Arco, für die Fälle in denen es nicht möglich ist eine Pendelleuchte genau über den Esstisch zu installieren. Eine der allerersten Lampen für die grade neugegründete Firma FLOS und die erste Bogenlampe.

Für das Design von Castiglioni typisch ist die Sachlichkeit, die Kombination bestehender Objekte zu etwas Neuem.  Ein sicherer Sinn für Ästhetik und Qualität, Eleganz die kaum zu überbieten ist. 

Der Marmorsockel als Gegengewicht zu dem weiten Bogen sorgt für einen sicheren Stand und hat für die Brüder nichts mit Luxus zu tun. Die Details daran sind ein gutes Beispiel für die unkomplizierte und kreative Denkweise der Beiden. Die abgeflachten Kanten verringern das Verletzungsrisiko und das Loch darin dient der Mobilität. Steckt man einen Stock oder Besenstil hindurch können zwei Personen den Koloss von über 60 kg sicher verstellen. Der kuppelförmige und schwenkbare Schirm lenkt das Licht gezielt nach unten und der gebogene Stab ist verstellbar.

Später erschien die ARCO seinem Designer als „inumana“, unmenschlich, weil sie so hohe Ansprüche stellt, so viel Raum verlangt.

Heute ist Arco eine Ikone, noch immer erhältlich in beinahe unveränderter Form, schlicht und funktional mit perfekten Proportionen.
 


FLOS. Arco 


Möbelgeschichte #5:

Eine zeitgemässe Version des alten englischen Clubsessels?
vitra. Lounge Chair
Charles & Ray Eames, 1956.  

Charles & Ray Eames zählen zu den bedeutendsten Designer-Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Ihr Werk war sehr vielseitig, sie entwarfen Möbel, drehten Filme, fotografierten, konzipierten Ausstellungen und planten und realisierten ihr eigenes Haus in Pacific-Palisades auf damals bahnbrechende Weise.

Der Lounge Chair ist einer der bekanntesten Entwürfe von Charles und Ray Eames. Er entstand 1956 und wurde zum Klassiker der modernen Möbelgeschichte.

„Warum machen wir nicht eine zeitgenössische Version des alten englischen Clubsessels?“ - Mit dieser Frage leitete Charles Eames die mehrjährigen Entwicklungsarbeiten am Lounge Chair ein.

Der Entwurf sollte das Bedürfnis nach einer grossen Sitzgelegenheit befriedigen und dabei ultimativen Komfort mit höchster Qualität in Material und Ausführung verbinden. Mit dem Lounge Chair setzten Charles & Ray Eames neue Massstäbe: Er ist nicht nur leichter, eleganter und moderner als die meisten massiven Clubsessel, er ist auch bequemer. Mit diesem Ziel vor Augen liesen sie sich von der Qualität eines Baseballhandschuhs inspirieren.

„Ich wollte dem Lounge Chari das warme, bequeme Aussehen eines viel benutzten Baseball-Handschuhs geben.“ (Charles Eames)

So definierten sie den Lounge Chair ursprünglich in dunklem Furnier und schwarzem Leder, variierten ihn jedoch schon früh in einer Version mit hellen Lederpolstern. Seit 1956 verbindet der Lounge Chair ultimativen Komfort mit bestechender Qualität in Material und Ausführung. Diese zeitgenössischen Eigenschaften und langlebige Werte hat der Lounge Chair bis heute bewahrt.

Seine 160 Einzelteile sind gemäss der Überzeugung von Charles & Ray Eames so arrangiert, dass sie ihren Zweck am besten erfüllen können. Die handwerkliche Sorgfalt und das Know-How, mit dem der Sessel in fast fünfzig Arbeitsschritten hergestellt wird, stehen für Nachhaltigkeit und Langlebigkeit seines Designs.

Oft wird der Lounge Chair von Generation zu Generation weitergegeben und gewinnt durch seine Patina noch hinzu. 

Vitra produziert und vertreibt ihre Möbelentwürfe seit 1957, zunächst in Lizenz. Seit 1984 ist  Vitra der einzige legitimierte Hersteller an allen Eames-Produkten für Europa und den Mittleren Osten und gibt Ihnen die Sicherheit, ein Original-Produkt von Charles & Ray Eames zu besitzen.


Eames Lounge Chair debut in 1956 on NBC


Möbelgeschichte #4:

Der geheime Code
ClassiCon, Adjustable Table E1027
Entwurf Eileen Gray, 1927.  

Gemeinsam mit Le Corbusier, Charlotte Perriand, Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe, Alvar Aalto, Gerrit Rietveld und Charles Eames gehört Eileen Gray zu den einflussreichsten Designern des zwanzigsten Jahrhunderts. Zeitgleich mit der Bauhaus Avantgarde entwickelte Sie Möbel aus Stahlrohr. Bei Ihren Entwürfen stand jedoch der Wunsch nach ästhetischem und funktionellem Perfektionismus im Vordergrund.

Für das Haus E.1027 Roquebrune, Cap Martin (1927-1929) entwarf Eileen Gray eine Vielzahl an Möbelstücken, darunter auch den gleichnamigen Betttisch für Kranke, Bettlägerige oder „Bettfrühstücker“. Aus der Idee des Betttisches erklärt sich die asymmetrische Form. Der geöffnete Fussring kann nicht nur unter das Bett geschoben werden sondern auch einen Bettfuss umfassen und die höhenverstellbare Platte über dicke Federbetten als Stellfläche vor den Benutzer geführt werden. Die Konstruktion des seitlich angebrachten Doppelstahlrohr erinnert an die zeitgleich entwickelten Kragstühle und widerspricht der traditionellen Auffassung eines Tisches mit 4 Beinen. Später wurde dieser auch als Beistelltisch für Wohnzimmer oder Terrasse verwendet.

Mit der Namensgebung für das Haus verwies Sie auf die gemeinsame Urheberschaft mit dem Architekten Jean Badovici auf dessen Vorschlag hin etwa die Wendeltreppe, die aufs Dach führt zurückgeht. So steht das E von E.1027 für Eileen, 10 für den zehnten Buchstaben des Alphabets „J“, 2 für „B“ und schließlich die 7 für den Buchstaben „G“. Die Initialen von Eileen Gray und eben Jean Badovici. 

Erst nach dem Tod Eileen Grays im Jahre 1976 wurde die von Ihr erhoffte Serienproduktion dieses heute zeitlosen Klassikers begonnen.






Möbelgeschichte #3:

Proportion ist das Entscheidende!
FRITZ HANSEN, Die Ameise
Entwurf Arne Jacobsen, 1952.  

Arne Jacobsen war seiner Zeit schon von Kindesbeinen an voraus. Es wird erzählt er hätte schon als Kind die viktorianische Tapete in seinem Zimmer überstrichen. Nicht mit Kinderzeichnungen oder farbig sondern schlicht in weiß. Was heute als normal erscheint war im frühen zwanzigsten Jahrhundert noch nicht in Mode. Jacobsens kreativer Prozess konzentrierte sich auf seine strenge Berücksichtigung von Details. In jedem Jahr gelang es Jacobsen, das zu entwerfen, was andere gerne in fünf Jahren produziert hätten. 

Zu Anfang der 50iger Jahre stellte sich die dänische Möbelproduktion auf neue Fertigungsverfahren ein. An Stelle von Massivholz traten immer öfter Werkstoffe wie Stahl und Sperrholz die einfachere Konstruktionen ermöglichten. Die Ameise ist dafür ein herausragendes Beispiel. Der Stuhl besteht aus nur wenigen Teilen, ist ökonomisch zu produzieren und ausgesprochen leicht. Die Sitzschale besteht aus einem durchgängigen Stück Sperrholz und die Anordnung der drei zentral unter der Sitzfläche angebrachten Stahlrohrbeine erlauben es den Stuhl zu stapeln. Der Stuhl Modell 3101 war der erste dänische Stuhl der sich für die Massenproduktion eignete. 

In den wenigen Prototypen des Organic Chairs von 1940/41 hatten Charles Eames und Eero Saarinen bereits eine dreidimensionale Sitzschale verwendet. Während Sie einen Bruch im Bereich der stärksten Verformung zwischen Sitz und Rückenlehne durch eine Aussparung in der Mitte verhindern wollten, verschmälerte Jacobsen diese kritische Stelle und verstärkte sie mit zusätzlichen Furnierlagen, dadurch waren sowohl die Stabilität als auch die Flexibilität des Rückens gewährleistet. Der Stuhl trug damit entscheidend zur Modernisierung des skandinavischen Möbeldesigns bei.  Wegen seiner charakteristischen Taille und den dünnen Beinen erhielt der Stuhl den Beinamen „Ameise“.

Eigentlich entwarf Arne Jacobsen die Ameise für die Kantine des international agierenden dänischen Pharmaunternehmen Novo Nordisk. Heute gehört die Ameise zu den prominenten Ikonen des Möbeldesigns. Die Ameise™ gibt es in natürlichen Furnieren mit Klarlack und auch in den Finishes gefärbte Esche oder Lack. Ursprünglich wurde der Stuhl nur in furnierter Ausführung angeboten und erst nach dem Tod von Arne Jacobsen wurde auch die vierbeinige Version der Ameise produziert.





Möbelgeschichte #2:

Muss ein Stuhl 4 Beine haben?
THONET S43
Entwurf Mart Stam, 1931.  

In der Vorbereitung zu der Ausstellung „Die Wohnung“ die der Deutsche Werkbund in der Weißenhof-Siedlung 1927 ausrichtetet, stellte Mart Stam 1926 sein Experiment eines hinterbeinlosen Stuhl aus Gasleitungsrohren vor. Ihm kam es dabei noch nicht auf den federnden Effekt kalt gebogenen Stahlrohrs an, sondern auf die sachliche Form. Mit der Idee Stahlrohr mit dem Durchmesser einer üblichen Gasleitung zu einem Stuhl zu formen änderte sich die bis dahin gültige Weisheit, dass ein Stuhl vier Beine haben muss radikal. Ein endloses Stahlrohr gebogen zu einem Stuhlgestell das auf einem am Boden liegendem U ruht.

Der Gedanke Michaels Thonet Erfindung des Bugholzstuhls auf Stahlrohr zu übertragen lag damals in der Luft. Marcel Breuer, Mies van der Rohe, Le Corbusier sowie Designer aus USA und Frankreich arbeiteten mit dem neuen Material und stellten in kurzen Abständen ihre Möbelentwürfe vor. Mart Stam stellte dann auf der Werkbundausstellung in der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung seinen  bahnbrechenden Entwurf eines hinterbeinlosen Stuhl der Öffentlichkeit vor. Bei seinem vorgestelltes Modell des S33 mit freitragender Sitzfläche und Rückenlehne waren die Rohre jedoch noch feuergeschmiedet und durch eingezogene massive Stahlstäbe verstärkt - der Stuhl wippte damals noch nicht. 

Auch Mies van der Rohe, welcher die Idee Mart Stars von 1926 aufnahm, stellte auf dieser Ausstellung seinen hinterbeinlosen Stuhl aus federnden, kalt gezogenem und gebogenem Stahlrohr vor. Er kann für sich den Ruhm beanspruchen mit dem Stuhl MR10 den ersten wippenden Freischwinger gemacht zu haben. Dieses Prinzip hat er sich dann bereits 1927 patentieren lassen. In einem langjährigen Rechtsstreit wurde 1932 schließlich Mart Stam das künstlerische Urheberrecht für den streng kubischen hinterbeinlosen Stuhl zugesprochen.

1931 schließlich stellte Thonet den wippenden Stahlrohrstuhl, das heutige Modell S43 von Mart Stam vor, der an den ersten Entwürfen des Modells aus Gasrohrleitungen von 1926 angelehnt war.

Mies van der Rohe holte anschließend Mart Stam noch als Gastdozent an das Bauhaus.






Möbelgeschichte #1:

Eine königliche Sitzgelegenheit?
KNOLL International Barcelona Chair
Entwurf Ludwig Mies van der Rohe, 1929. 

Die deutsche Regierung stellte Mies die Aufgabe, in sechs Monaten einen Pavillon zu bauen. Mies van der Rohe antwortete mit einem architektonischen Meilenstein. In den ursprünglichen Entwürfen für die Ausstellung der Weimarer Republik auf der Industriemesse 1929 in Barcelona war der „Deutsche Pavillon“ von Ludwig Mies van der Rohe noch ohne Sitzgelegenheit konzipiert.

Um dem spanischen Königspaar bei der Eröffnung eine Sitzgelegenheit bieten zu können entwarf Mies schließlich auch eine Reihe der reinsten Möbelentwürfe des 20. Jahrhunderts. Für Mies war ein Widerspruch zwischen der Struktur des Pavillons und den darin befindlichen Objekten undenkbar. Wenn der Bau den durch ihn umschlossenen Raum perfekt beleben sollte, so galt dies auch für die Sessel.  Wenn der Bau präzise, anspruchsvoll und klar zugleich sein sollte, so mussten die Sessel ebenso sein. Und die Sessel sollten ebenso luxuriös sein wie der Bau. 

Mies van der Rohe war der Überzeugung, dass Perfektion im Detail und hervorragende handwerkliche Arbeit Voraussetzung für die Eleganz sind. Als einer seiner charakteristischen Philosophien gilt „Gott ist im Detail“.

Ironischerweise standen van der Rohes Möbelentwürfe im Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien des Bauhaus. Die Herstellung der Sessel ist unverhältnismässig aufwendig, ihre Konstruktion ist alles andere als rationell und es ist unmöglich, sie als Massenprodukt zu betrachten. Mit einem Rahmen aus flachgezogenem Stahl, hochglänzend verchromt mit Kernlederriemen bespannt und aufliegenden losen lederbezogen Kissen mit Knopfheftung und Lederkeder wurde der Barcelona Chair zur Ikone der Möbelarchitektur des 20. Jahrhunderts und wurde von Ihm ergänzt durch einen passenden Hocker und einem Glastisch.

Bis 1934 wurde der Sessel unter der Bezeichnung MR90 von den Bamberg Metallwerkstätten gefertigt.

Einer der bekanntesten Käufer zu dieser Zeit waren das Industriellen-Ehepaar Fritz und Greta Tugendhat, welche den Barcelona-Sessel und weitere Möbelentwürfe von Mies in ihrer Villa Tugendhat in Brno (Brünn), die ebenfalls von Mies van der Rohe entworfen worden war benutzten.

Nach dem Krieg wurde der Stuhl im Auftrag Mies van der Rohes in einzelnen Exemplaren von Gerry Griffin in Chicago hergestellt.

Für die Einrichtung der 1949 fertiggestellten Villa des Architekten Philip Johnson „The Glass-House“ waren die meisten Möbel von Mies van der Rohe entworfen, darunter auch der Barcelona Chair. 

Seit 1948 werden die Barcelona und MR-Kollektion von KNOLL International gewissenhaft nach den Original-Entwürfen produziert und bestehen auch weiterhin als Symbole der Bauhaus-Ziele. 

Beweis für die universelle Gültigkeit dieser Entwürfe.  



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